November 1989: Europas Erbe
Von 1961 bis 1989 teilte die Mauer Westberlin von der DDR. Foto: Unsplash / Alberto Bigoni / Unsplash License

1989 hat nicht nur Deutschland auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze verändert. Das Jahr prägte den gesamten europäischen Kontinent, hatte Folgen für das politische Geschehen in unzähligen Ländern und ebnete den Weg für die Europäische Union, wie sie heute existiert. 1989 hat viele Gesichter: Anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums erzählen junge Europäer*innen, wo ihnen das Jahr heute im Alltag begegnet, was es für ihre Länder verändert hat und welche langfristigen Folgen sie 2019 noch spüren.



Flavia Sandu aus Rumänien

Rumänien war das einzige Land des östlichen Blocks, das sich gewaltsam dem kommunistischen Regime widersetzte: 1989 war meine Mutter 16 Jahre alt. Die Ereignisse der Revolution entwickelten sich während der Winterferien. In der Stadt, in der sie lebte, gab es keine gewaltvollen Zwischenfälle, allerdings war Bukarest weniger als zwei Stunden entfernt. Meine Mutter liebte historische Filme, einige der wenigen Filme, die sie damals gucken durften, und für sie war es surreal, im tagesaktuellen Fernsehen Schusswechsel, tote Menschen und brennende Barrikaden zu sehen. Sie konnte gar nicht glauben, dass die Revolution tatsächlich passierte.

Im Fall eines tatsächlichen Untergangs des Kommunismus, dachte sie zuerst, dass sie dann keinen Unterricht zur politischen Ökonomie mehr besuchen müsste. Sie hatten einen exzentrischen Lehrer, der die meiste Zeit damit verbrachte, Ceausescus Reden von den Kongressen der Rumänischen Kommunistischen Partei zu zitieren. Erst danach realisierte meine Mutter, dass sie dann komplett frei sprechen dürfte - und zwar nicht nur zuhause, sondern überall und mit jedem, ohne jegliche Angst. Sie lag nächtelang wach, weil sie nicht einschlafen konnte. Sie sah sich weiterhin Berichte an, weil sie immer wissen wollte, was gerade passierte. Dass der Fernseher die ganze Zeit lief, war etwas ganz Neues, denn bis dahin hatten sie nur ein bis zwei Stunden pro Tag Fernsehen.

Viele Menschen träumten von Schokolade oder exotischen Früchten, beides Sachen, die eine richtige Seltenheit im Kommunismus waren. Das war bei meiner Mutter nicht der Fall: Sie sagte, dass sie in dieser Hinsicht Glück hatte, denn ihr Großvater hatte gute Kontakte und konnte solche Sachen unter der Hand besorgen. Meine Mutter wollte Zugang zu Informationen und vor allem eins: Reisen. Diesen November wählt Rumänien zum achten Mal einen Präsidenten seit dem Fall des Kommunismus.


Maddie Pitt über das Vereinigte Königreich

Meine Eltern haben im Sommer 1989 geheiratet. Damals und heute haben wir in einem Jahrzehnt einer zunehmend rechtsgerichteten konservativen Herrschaft drastische Veränderungen erlebt. 1989 ging die Ära der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher zu Ende. Die Gewerkschaften waren geschwächt, öffentliche Dienstleistungen privatisiert und der Produktionssektor vernachlässigt. Während in der Finanzstadt London nach der aggressiven Deregulierung ein Boom begonnen hatte, hatten Armut und Ungleichheit in einer tief gespaltenen Gesellschaft zugenommen. Heute, nach Jahren der Sparpolitik, ist Großbritannien wieder bitter gespalten - vor allem über seine Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Thatcher war keine Brexiterin, aber die Samen des britischen Euroskeptizismus wurden auch durch ihren Europadiskurs gesät. Nirgendwo lässt sich dies besser beobachten als in Thatchers Reaktion auf den Fall der Berliner Mauer. Während meine Eltern sich erinnern, dass die zunehmende Erosion des Eisernen Vorhangs vom britischen Volk mit Hoffnung und Optimismus für eine friedliche Zukunft begrüßt wurde, wurde diese Haltung von unseren politischen Führer*innen nicht geteilt. Nach Erzählungen des ehemaligen westdeutschen Kanzlers Helmut Kohl erklärte Thatcher bei einem Treffen der europäischen Staats- und Regierungschef*innen, Großbritannien habe „die Deutschen zweimal geschlagen, und jetzt sind sie zurück“.

Das zeigt deutlich, dass die Konservative Partei nicht in der Lage ist, unsere europäischen Nachbar*innen als Partner*innen und Freund*innen zu sehen. Stattdessen besteht sie darauf, sie als Konkurrent*innen oder gar Feind*innen zu sehen. Thatcher war dafür bekannt, sich mit einem freien Marktteilnehmer auf der anderen Seite des Atlantiks - Ronald Reagan - zu treffen, nicht aber für den Versuch, eine starke europäische Familie aufzubauen. Ähnlich schmerzhaft ist es, wenn Boris Johnson sich Donald Trump anbiedert, während er die EU ver- und missachtet. Thatchers Aussage spiegelt auch die Eifersucht der Konservativen auf den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands und, allgemeiner gesagt, einen Unsicherheitskomplex über die Position Großbritanniens als rückläufige Macht in Europa und der Welt wider. Dreißig Jahre nach 1989 zeigt die Debatte um den Brexit, wie wenig sich doch geändert hat.


Marie Menke aus Deutschland

Was 1989 geschah veränderte Deutschland auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze auf Art und Weisen, die nicht in einen Text dieser Länge passen. Zwischen 23:30 am 9. November und 00:15 am 10. November überquerten rund 20 000 Menschen aus Ostdeutschland die Grenze nach Westberlin: Die Mauer, die die Stadt 28 Jahre und 88 Tage lang geteilt hatte, war gefallen, nachdem ein Sprecher der Sozialistischen Einheitspartei (SED) der Deutschen Demokratischen Republik versehentlich neue Reisebestimmungen als „unverzüglich“ in Kraft tretend bezeichnet hatte.

Einige, die in dieser Nacht und in den folgenden Wochen und Jahren die Grenze überquerten, hatten sich eine Wiedervereinigung gewünscht. Einige waren auf die Straßen gegangen, um für Demokratie zu kämpfen, manche waren aus dem Land geflohen. Andere hätten darüber hinausgehende Lösungen bevorzugt, darunter das Fortbestehen zweier getrennter deutscher Republiken. In den Augen einiger ging es der DDR schon seit langem zu schlecht, als dass sie noch länger hätte überleben können. In den Augen anderer kam der Mauerfall gänzlich unerwartet. Die Erzählweisen variieren.

Heute glauben mehr Ostdeutsche als Westdeutsche, dass Westdeutschland von der Wiedervereinigung profitierte, während mehr Westdeutsche als Ostdeutsche glauben, dass Ostdeutschland von der Wiedervereinigung profitierte. Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und habe in der Schule mehr über das antike Rom als über die DDR gelernt. Grenzen existieren nicht nur auf Landkarten. Sie existieren vor allem in unseren Köpfen. Die Statistiken zeigen ein Land, das nicht nur in vielen Aspekten ungerecht ist: Seit der Wende war das Bruttogehalt immer höher im Westen, die Arbeitslosigkeit immer höher im Osten. Die Zahlen und ebenso unzählige individuelle Erfahrungen erzählen auch die Geschichte eines Landes, das sich selbst im Jahr 2019 noch zutiefst fremd ist.


Cecilio Pedro Secunza Schott über Mexiko

Das letzte Jahr der Achtziger stand nicht nur im Zeichen des Mauerfalls in Berlin, sondern war auch der symbolische Anfang des Ende des Kalten Krieges. Auf der anderen Seite des Atlantiks war Mexiko kein Außenseiter bei dieser politischen Konfrontation zwischen dem West- und dem Ost-Block. Durch das Unterzeichnen des „Vertrages von Rio“ war Mexiko Teil der kapitalistischen Länder angeführt von den USA. Tatsächlich war Mexiko eher neutral positioniert, berücksichtigt man die inoffiziellen Beziehungen mit einigen sozialistischen Ländern und solchen, die keiner dieser beiden Ausrichtungen direkt zugeordnet waren.

Die Mauer erreichte Mexiko auch über das Kino: durch den mexikanisch-spanischen Film „Der Junge und der Ball und das Loch in der Mauer“ (1965) des mexikanischen Regisseurs Ismael Rodríguez. Er porträtierte einen fiktiven Tag im geteilten Berlin: Dieter, ein fünfjähriger Junge, der im Westen der Stadt lebte, wirft seinen Ball aus Versehen auf die andere Seite der Mauer. Dieser wird von Marta gefunden. Sie weigert sich aber den Ball zurückzugeben. Von da an bauen die beiden Kinder eine Freundschaft durch ein kleines Loch auf, welches sie in die Mauer graben.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist eine neue „Mauer der Schande“ zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten zu sehen: Der Bau einer physischen Barriere großen Ausmaßes war eines der Hauptversprechen des aktuellen Präsidenten der USA, um - wie er selbst sagte - die Fluten von papierlosen Migrant*innen aus Mexiko zu stoppen. „Bauen Sie diese Mauer!“ ist in politischen Kundgebungen zu hören. Weit dahinter steht der berühmte Satz Ronald Reagans „Knock down this wall“, mit dem er den Fall der Mauer in Berlin forderte.


Thomas Cassar Ruggier aus Malta

Viele Malteser*innen befürchteten, dass der Fall der Berliner Mauer zu einem großen Krieg führen würde. Damals waren wir auf Neutralität bedacht, da wir erst seit 25 Jahren unabhängig von Großbritannien waren. Für Malta war der Übergang von seiner historischen Funktion als Militärbasis zu einem neutralen Land ein wichtiger Schritt. Die Malteser*innen hofften, dass die Neutralität ihre Unabhängigkeit sicherstellen würde, nachdem die Insel jahrtausendelang von ausländischen Mächten besetzt gewesen war.

Was sich anstelle eines Krieges ereignete war das Ende des Kalten Krieges. Die Erklärung wurde in Malta verabschiedet, als sich sowohl die USA als auch die UdSSR auf dem Gipfel von 1989 trafen. Kurzzeitig verschärfte der Gipfel die politischen Spannungen aufgrund der Neutralitätsproblematik: Für die sich in der Opposition befindende maltesische Arbeiterpartei war die Abhaltung des Gipfels in Malta ein Zeichen dafür, dass die regierende nationalistische Partei eine Aufnahme Maltas in die NATO anstrebte, was ihrer Neutralität ein Ende gesetzt hätte.

Im Jahr 2019 ist die innenpolitische Lage eine andere: Die Frage, ob Malta das „Beste in Europa“ oder eine funktionierende Diktatur ist, spaltet die Malteser*innen. Eine weitere Ursache für Diskussionen ist die Migration im Mittelmeerraum: Die Situation in den Gewässern außerhalb Maltas hat das Land aufgeschreckt, aber dennoch werden die Rechtspopulist*innen nicht ins maltesische Parlament einziehen. Die politische Loyalität gegenüber den beiden etablierten Parteien ist ein Grundpfeiler der maltesischen Gesellschaft. Zudem verhindert das Wahlsystem, dass die extremen Rechten Mandate im Parlament erhalten. Was jedoch möglicherweise zu erkennen sein wird, ist ein potentieller Schritt nach rechts innerhalb der beiden etablierten Parteien. Genau wie 1989 ist 2019 eine spannende Zeit für Malta.


Jan Sztanka-Tóth aus Ungarn

Der ungarische Übergang vom Kommunismus zur Demokratie war im Vergleich zu anderen Ländern nicht turbulent, sondern ein langsamer Prozess. Das heißt nicht, dass es 1989 in Ungarn keine Proteste oder politischen Aktivismus gegeben hätte. Die Wiederbestattung von Imre Nagy, dem ungarischen Ministerpräsidenten, der das Land während der Revolution von 1956 geführt hatte, wurde beispielsweise von einigen hunderttausend Menschen besucht. Das kommunistische Ungarn war jedoch als „Die glücklichste Kaserne des Sowjetblocks“ oder „Gulyáskomunizmus“ bekannt - eine Kombination aus der fleischreichen Suppe „Gulyás“ und dem Kommunismus. Dank in den 1960er Jahren eingeleiteten Wirtschaftsreformen war das Leben in Ungarn nicht so schlecht wie in den benachbarten Staaten, was letztendlich im Jahr 1989 zu einer geringeren Motivation für Veränderungen führte.

Dennoch wuchs der Aktivismus unter Studierenden und der Elite bis 1989 an, sodass die prodemokratische Opposition bereit war einzuschreiten, als das kommunistische Regime unter dem Druck des inneren Aktivismus und der Veränderungen in der Außenpolitik nachgab. Die kommunistische Partei MSZMP wurde 1989 aufgelöst, aber ihr gemäßigter Flügel aus Kommunist*innen, die in den vergangenen Jahren Reformen gefordert hatten, bildete fortan die MSZP weiter. Im Jahr 1990 wurden die ersten demokratischen Wahlen seit 43 Jahren abgehalten und eine Regierung aus prodemokratischen Parteien gebildet.

Dieser allmähliche Machtwechsel verfolgt die politische Landschaft in Ungarn bis heute. Die jetzt regierende Fidesz argumentiert seit langem, dass der Übergang keine echte Veränderung gewesen sei, da es keine neue Verfassung gegeben habe. Auf den ersten Blick ist es schwer, anderer Meinung zu sein, aber genau dieses Argument führte zu einer Neufassung der ungarischen Verfassung im Jahr 2011, die heute die Grundlage für Orbáns „illiberale Demokratie“ bildet.


Arnisa Halili über den Kosovo

Die Fernsehbilder vom Fall der Mauer bewegen noch heute die Welt. In einem Gespräch mit meinem Onkel, der damals 37 Jahre alt war und im ehemaligen Jugoslawien lebte (heutige Republik Kosovo), möchte ich herausfinden, wie er als Kosovo-Albaner den Mauerfall erlebte. Von der bahnbrechenden Nachricht erfuhr er über das Fernsehen.

Er beschreibt die Situation als einen Moment der Entspannung und Veränderung, aber gleichzeitig auch als einen Moment der Hoffnung nach fast 29 Jahren Trennung einer Bevölkerung in zwei Staaten. Der Fall der Berliner Mauer und die Vereinigung der Deutschen wirkten sich natürlich auch auf die damalige Republik Jugoslawiens und die Menschen dort aus: Mein Onkel war persönlich emotional sehr berührt, weil die Albaner*innen im Balkan ebenso willkürlich voneinander geteilt wurden. Im Ostblock wehten neue politische Winde, und in fast allen Ostblockstaaten gewann die demokratische Bewegung an Boden. Auch im Kosovo sahen die Menschen plötzlich die Möglichkeit, ihre Hoffnungen auf Freiheit und Demokratie zu verwirklichen.


Magdalena Janžić aus Kroatien

Gegen Ende der 1980er Jahre war das baldige Ende der sozialistischen Ära absehbar. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ) hatte mit scheinbar unauflösbaren internen Konflikten zwischen ihren Mitgliedstaaten zu kämpfen. Am 9. November 1989 studierten und arbeiteten meine Eltern in der Schweiz. Alle Schweizer Fernsehsender zeigten an diesem Tag, wie die Menschenmassen die Betonmauer überwanden, die Berlin teilte. Für meine Eltern, wie auch für andere, die die Gelegenheit hatten den Fall der Mauer aus der Perspektive westlicher Medien zu verfolgen, verstärkte das Ereignis den Willen, mehr Schritte in Richtung Demokratie zu unternehmen. Die innenpolitischen Turbulenzen im selben Jahr zeigen die Wichtigkeit dieses Ereignisses.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass die Ereignisse, die 1989 in den beiden Ländern stattfanden, wenn auch voneinander unabhängig, die Landkarte des offenen und demokratischen Europas geformt haben. Einige Jahre nach dem Auseinanderbrechen der SFRJ hatte die anschließend gegründete Republik Kroatien ein neues Ziel - den EU-Beitritt - und wurde 2013 aufgenommen. Als eine von vielen kroatischen Student*innen in Deutschland (und noch dazu in der früheren DDR) betrachte ich die Berliner Mauer heute nicht nur als Brücke der deutschen, sondern auch der europäischen Einheit. Wir sollten uns die Werte, die der Fall der Mauer repräsentiert, vor Augen halten, und lernen, dass Mauern, die die Freizügigkeit einschränken, stets zerstört werden.


Niclas Hüttemann über Italien

Die deutsche und die italienische Geschichte haben sich immer im Gleichschritt bewegt. Die beiden Nationen, die sich im Abstand von weniger als einem Jahrzehnt gründeten und kurz darauf Waffenbrüder waren, erlagen sechzig Jahre später dem Autoritarismus. Es dauerte mehr als 40 Jahre, bis die DDR einen politischen Vorfall auslöste, der dazu führte, dass Berlin und Rom wieder im Gleichschritt agierten. Als Günter Schabowski seine heutzutage berühmt berüchtigten Aussagen tätigte, indem er die Frage eines italienischen Journalisten beantwortete, vertrieb er nicht nur eigenmächtig den Geist, der die deutsche Wiedervereinigung zuvor verhindert hatte, sondern auch das damalige verkrustete politische System Italiens.

Als sich die Italiener*innen um den Fernseher drängten, um die Übertragung am 9. November 1989 zu hören, wussten sie nicht, dass nur drei Tage später die Telegiornale die proklamierte Auflösung der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) verkünden würde. Was in anderen westlichen Ländern keine berichtenswerte Geschichte gewesen wäre, zerriss das gesellschaftliche Gefüge der Italiener*innen: Die PCI war die Oppositionspartei, die größte kommunistische Partei in der westlichen Hemisphäre, oftmals sogar in der Lage, den Christdemokrat*innen die Macht zu entziehen.

Die PCI akzeptierte unter ihrem Führer Achille Occhetto, der von Journalist*innen als Italiens Hans Modrow bezeichnet wird, den „Wind des Wandels“. Damit verbunden war die unvermeidliche Notwendigkeit einer Namensänderung, da der Name einer kommunistischen Agenda huldigte, die die Partei längst aufgegeben hatte. 30 Jahre nach Occhetto und Schabowskis Pressekonferenz sind die beiden Länder 2019 wieder vereint - in Gesprächen, ob die Wende Ost und West zusammengebracht hat und ob die Svolta tatsächlich zur Schaffung eines stabilen und starken Nachfolgers der PCI führte.


Guillermo Íñiguez aus Spanien

Im Jahr 1989 war Spanien eine junge Demokratie: Die Verfassung war elf Jahre alt und erst acht Jahre zuvor hatte das Land seinen letzten Militärputsch überstanden. Francos Tod, gefolgt vom Wahlsieg der Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) 1982, öffnete die Schleusen für eine tiefgreifende politische, wirtschaftliche und soziale Veränderung.

Seitdem ist viel passiert. Der ultra-nationalistische Terrorismus der ETA, der über 800 Menschen das Leben gekostet hat, wurde durch die friedliche Revolution in der Gesellschaft besiegt. In den frühen 2000ern wurden Bürgerrechte und Freiheiten erweitert, zum Beispiel indem die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert wurde. Eine brutale Finanzkrise und die darauffolgende Sparpolitik, die das soziale Gefüge des Landes schwer belastet haben, lösten nicht etwa rassistischen Nationalismus aus, sondern die Bewegung der Indignados, die sich für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft einsetzte. Auch die jährlichen feministischen Demonstrationen in den letzten Jahren haben weltweit Anerkennung erfahren. Trotz temporärer Rückschläge hat sich das moderne Spanien – ein Produkt seiner Demokratie, liberalen Verfassung und toleranten Gesellschaft – stetig, wenn auch langsam, weiterentwickelt.

Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer wird eine zunehmend polarisierte Gesellschaft erneut durch Nationalismus auf die Probe gestellt: von einer extremen Rechten und von einer katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, welche sich selbst über geltendes Recht stellt - unter dem Vorwand das Volk zu repräsentieren. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Landes kann man auf der politischen Bühne Euroskepsis und Töne á la „Spain First“ hören. Wenn der Fall der Mauer uns etwas lehren kann, dann dass unser Ziel nur mehr Freiheit, mehr Vielfalt und mehr Demokratie lauten kann. Dass wir unsere politischen Rechte nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfen. Dass der beste Weg, die extreme Rechte zu bekämpfen und Nationalismus zu besiegen, ein vereintes Europa ist. Und dass die Zeit für dieses vereinte Europa genau jetzt ist.


Basile Desvignes über Frankreich

Als der damalige französische Staatspräsident François Mitterrand am 9. November 1989 an einer Arbeitssitzung über Europa in Kopenhagen teilnahm, brachte er seine Freude zum Ausdruck: „Dies ist ein glückliches Ereignis, das einen Fortschritt der Freiheit in Europa kennzeichnet.“ Die ganze Nacht über verfolgte das französische Radio die Entwicklung der Ereignisse. In den folgenden Tagen wurden inzwischen berühmt gewordene Bilder jubelnder Menschenmassen im Fernsehen übertragen.

Die meisten französischen Zeitungen konzentrieren sich in ihren heutigen Artikeln auf das Fortbestehen sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Ungleichheiten zwischen der ehemaligen DDR und Westdeutschland. Sie vergleichen die „Atmosphäre der Erneuerung“ und die Begeisterung für die Feierlichkeiten nach dem Mauerfall mit dem allgemeinen Desinteresse, das 2019 herrscht. Der Jahrestag des Mauerfalls ist auch eine Gelegenheit, eine Bilanz über dreißig Jahre europäische Integration zu ziehen. Das Szenario ist düster, zwischen dem Druck der extremen Rechten, dem Brexit, der Anfälligkeit für illiberale Demokratie und den Spannungen mit Russland. Geopolitisch gesehen scheint es fast so, als wäre der Kalte Krieg mit neuen Mauern wieder da.

Doch der Europäischen Union geht es gut. Bei den letzten Europawahlen kam es zu einem unerwarteten Anstieg der Beteiligung. Die Fortschritte der europäischen Kräfte insbesondere in Frankreich sind auf eine Aufweichung des Diskurses zurückzuführen. Selbst euroskeptische Parteien müssen eine klare Vorstellung von Europa haben, wenn sie Wahlergebnisse erzielen wollen. Die Europawahlen 2019 waren die ersten echten europäischen Wahlen in Frankreich: Die Menschen in Frankreich kennen heute die Namen der europäischen Staats- und Regierungschef*innen. Auch wenn einige von ihnen Antieuropäer*innen sind, ist die wachsende Verbreitung europäischer Nachrichten ein deutliches Zeichen für die Europäisierung von Informationen. Im Jahr 1989 hingegen kannten die meisten Menschen in Frankreich ihre europäischen Nachbar*innen nicht.


Gytis Nakvosas aus Litauen

Der Fall der Berliner Mauer war das Ereignis, das dazu beitrug, dass das Jahr 1989 zu einem der bahnbrechendsten Jahre in der Geschichte Europas wurde. Vor dem berühmten Abend des 9. Novembers in Berlin stand fast jedes sozialistische Regime unter dem immensen Druck der Zivilgesellschaft, die Unterdrückung und Rückständigkeit ihrer Länder zu beenden und eine neue Ära der Freiheit, Ehre und neuen Möglichkeiten einzuleiten. Dieser schnelle Wandel hatte längst begonnen, die Stabilität der Sowjetunion selbst zu gefährden.

Die Menschen in den baltischen Republiken blühten auf, um nicht nur demokratische Rechte zu erlangen, sondern auch die Souveränität zurückzugewinnen, die Stalin ihnen 1940 weggenommen hatte. Am 23. August 1989 verband die als Baltischer Weg bekannte friedliche Demonstration die Menschen aus den drei Nationen und zeigte, dass der Wille zur Unabhängigkeit von der Sowjetunion unumkehrbar war.

Erfolgreiche Massendemonstrationen, an denen Hunderttausende von Menschen teilnahmen, hatten großes Vertrauen in die Herzen der Bürger*innen gesetzt. Die Litauer*innen verfolgten aktiv die rasanten Veränderungen in den mitteleuropäischen Ländern und die Solidarität mit den Nachbarstaaten war enorm. Die Telegrafenbotschaften mit den Nachrichten aus Berlin brachten ein Gefühl weit verbreiteter Freiheit und Tapferkeit. Nach dem friedlichen Mauerfall in Berlin wussten die Litauer*innen bereits, dass das Regime nicht mehr versuchen würde, sich dem Volkswillen mit gewalttätigen Mitteln in den Weg zu stellen. Der lang ersehnte Fall des Eisernen Vorhangs war ein Zeichen dafür, dass Moskau bereit war, den Wandel zu akzeptieren. Da die Berliner Mauer die Welt nicht mehr in freie und unterdrückte Teile spaltete, war es für unsere Nation offensichtlich, dass die Zeit gekommen war, Litauen wieder auf die Karte zu setzen.


Laura Mercier und Agathe Ramade, zwei Redakteur*innen unseres französischen Partnermagazins Le Taurillon, haben anlässlich des 30. Jubiläums des 9. Novembers 1989 einen Podcast aufgenommen. Viel Spaß beim Anhören!


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